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Rauschefahrt nach Spanien

Am 18.06.2021 startete die „Wappen von Bremen“ in die erste Langfahrt der Saison, die das Schiff von Bremerhaven nach Cascais/Lissabon bringen sollte. An dieser Stelle sei ein besonderer Dank an Rainer Persch ausgesprochen, der uns tatkräftig bei der Vorbereitung dieser Reise unterstützte. Er selbst konnte aus familiären Gründen nicht dabei sein. Zum Abschied waren außer Rainer noch weitere SK-Mitglieder gekommen und wünschten uns eine gute Reise.


Abfahrt in Bremerhaven (Copyright: )


Zunächst nahmen wir Maschinenkraft zu Hilfe, um bei ablaufendem Wasser und zunehmender Dunkelheit so schnell wie möglich die Wesermündung zu erreichen. Gegen Mitternacht überquerte uns bei schwülwarmem Wetter eine intensive Gewitterfront mit heftigem Regen und sehr starken, wechselnden Winden. Dieses Wetterphänomen wurde für uns zugleich der richtige Einstieg in die bevorstehende Reise. Die Crew meisterte diese erste Herausforderung aber erfolgreich. Noch in der Nacht passierten wir Helgoland bei grober See an Steuerbord. Nun konnten wir auf Westkurs gehen, der den weiteren Verlauf der Reise vorgab.


Auf dem Weg zur englischen Küste war uns Rasmus gewogen. Es wehte zwar recht ordentlich, dafür aber aus der richtigen Richtung. Die Welle und der Raumschotkurs forderten allerdings auch ihren Tribut und einigen Mitseglern wurde etwas schummerig. Das gab sich dann aber schnell und bald war die volle Mannschaftsstärke wieder verfügbar. Dann wurde auch die Verpflegung wieder „in vollen Zügen“ genossen. Den Köchen „Erasco“ und „Simpert Reiter“ sei hier großer Dank ausgesprochen.


Bald befanden wir uns in Höhe der Themsemündung. „Thames Traffic“ meldete sich über Funk und fragte uns nach dem Woher und Wohin. Gleichzeitig machte man uns auf den regen Schiffsverkehr um uns herum aufmerksam. Für die inzwischen gut eingespielte Crew war es aber kein Problem, das enge Fahrwasser zu durchsegeln. Zügig ging es weiter südwärts und kurz darauf tauchten auch schon die Kreidefelsen von Dover vor uns auf.

Im Kanal von der Welle geschoben


Bei nördlichen Winden um 5 Bft. wurde die weitere Fahrt durch den Englischen Kanal für uns zu einem großen Vergnügen. Unter voller Besegelung passierten wir die Landmarken der englischen Südküste im Stundentakt. Welle und Wind schoben die Wappen schnell voran. Ein Geschwindigkeitswettbewerb entbrannte zwischen den Wachen und ließ uns die beständigen Schauer vergessen. Günther holte dabei den Pokal für Wache 1, weil er mit 14,6 Knoten eine Welle hinuntersurfte. Sagt er zumindest.


Als Folge der Rauschefahrt im Kanal konnten wir bereits nach gut einem Tag unseren neuen Kurs auf die Westspitze Frankreichs absetzen. Bereits am 22. Juni passierten wir nach nur vier Tagen die Insel Ouessant, verließen somit den Kanal und starteten die Überquerung der Biskaya. Nach Dover war dies für uns die zweite Gelegenheit, mobiles Internet zu empfangen. So nutzten wir im Mondschein die Nacht zum Surfen. Unser nächstes Ziel sollte das Kap Finisterre an der spanischen Nordwestküste sein.



Nachdem der Wind auf Nordost gedreht hatte, flaute er auch weiter ab. Deshalb versuchten wir in der Biskaya, uns dem einzigen Windfeld anzuschließen, das der Wetterbericht vorsah. Keiner wollte in der Flaute stehenbleiben. Dafür ließ sich plötzlich die Sonne blicken und das Ölzeug konnte zumindest tagsüber unter Deck bleiben. Später erhielten wir auch Besuch von einigen Delfinen, die das aufkommende Urlaubsgefühl verstärkten.


Bei leichten Winden konnten wir erstmals den leichten Gennaker (A2) vorheißen. Das Vergnügen dauerte nur wenige Minuten: Ein großer Riss im Tuch zwang uns, das Segel zu bergen. Stattdessen verrichtete anschließend der A4 seinen Dienst. Verlässlich zog er uns weiter durch die Biskaya unserem Wegepunkt Kap Finisterre entgegen. Kurz vor unserem ersten angestrebten Stopp in Vigo verließ uns jedoch der Wind und veranlasste uns, Maschinenhilfe für die letzten Stunden in Anspruch zu nehmen. Am Freitag, dem 25. Juni erreichten wir gegen 19 Uhr den Yachthafen in Vigo. Für die 1220 sm lange Reise über offene See hatten wir etwas weniger als sieben Tage gebraucht. Ein durchschnittliches Tagesetmal von 174 sm war unsere Belohnung. Schiffer und Crew waren sehr zufrieden.


Wie eingangs erwähnt, sah die Törnplanung vor, das Schiff in Cascais an die Folgecrew zu übergeben. Leider erreichte uns aber in Vigo die Nachricht, dass das RKI zwei Tage später ganz Portugal als „Virusvariantengebiet“ einstufen werde. Damit war unsere weitere Planung hinfällig. Der folgende Hafentag wurde genutzt, um mit der Vereinsführung und den Folgeschiffern die Lage zu erörtern. Danach war klar: Es geht nicht nach Cascais, sondern wir steuern für den Crewwechsel stattdessen A Coruña an. Den Tag in Vigo und die Spezialitäten lokaler Cocktailbars genossen wir dennoch. Auf Bitte des Schiffers wurde an Bord zusätzlich der sagenumwobene „Tanja-Cocktail“ serviert. Wer ihn noch nicht probieren konnte, dem sei gesagt: Er schmeckt besser als er klingt.


So brachen wir also am Sonntagvormittag zum letzten Abschnitt des Törns auf. Anstatt die portugiesische Küste Richtung Süden abzusegeln, ging es für uns nun auf die erste Kreuz unserer Reise - wieder nach Norden. Mit besten Winden und viel Sonnenschein wurde es ein fabelhafter Segeltag. Kap Finisterre rundeten wir in der Nacht. Beim Passieren der zahlreichen Fischerboote, die dort kreuz und quer fuhren, dachten wir an das Malheur des Einhandseglers Boris Hermann. Bei uns war jedoch immer jemand wach, so dass AIS-Alarme nicht nötig waren und wir ohne Zwischenfälle gut vorankamen. A Coruña erreichten wir bereits am Montagvormittag.


In der gut ausgestatteten Marina konnten wir den beschädigten A2 direkt einem Segelmacher zur Reparatur geben. Abends stand Labskaus auf unserem Speiseplan.


Den folgenden Dienstag nutzten wir als Trainingstag. In der Bucht vor A Coruña wurden diverse Boje-über-Bord-Manöver gefahren und im Hafen vertieften wir das Thema „An- und Ablegen“. Später setzten wir noch einmal die Sturmsegel, bevor wir uns dem Thema „Klar Schiff“ widmeten.

Ein Teil der Crew startete die Rückreise nach spontanen Umbuchungen über Madrid bereits am Mittwoch. Ebenfalls anders als ursprünglich geplant, übergab der verbleibende Teil der Mannschaft das Schiff am Donnerstag, dem 1. Juli fernmündlich an den neuen Schiffer und machte sich auf den Heimweg.


So ging unsere trotz einiger Widrigkeiten sehr schöne Reise etwas vorzeitig zu Ende. Alle Crewmitglieder genossen den Törn. Unser „Wappen von Bremen“ zeigte sich während unserer Reise von seiner besten Seite und war uns immer ein zuverlässiger Partner.


Wir freuen uns schon jetzt auf ein Segeln auf hoher See in der nächsten Saison - dann hoffentlich ohne Pandemie.


Jonas Polkehn

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