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Die Reise der "Am Wind-Segler" durch den englischen Kanal

Samstag: Unsere Reise startet in Cherbourgh. Sechs Crewmitglieder bleiben vom Vortörn an Bord - vier steigen in der Nacht und am Vormittag zu. Sie bekommen schon beim ersten Blick auf das Wappen im Hafen einiges geboten: Unzählbare Masten ragen in den Himmel, es liegen noch einige Boote, die Mitte August hier die Ziellinie des Fastnet Race überquert haben, vor Ort und direkt neben-an begeistert die Pen Duick von 1898.


Die Wappen in Cherbourgh


Nach dem unvermeidbaren Einkauf - Percys gute Einkaufsplanung ist ein gutes Vorzeichen für die kulinarischen Highlights der Reise, einer kurzen Sicherheitseinweisung und Kennenlernrunde legen wir am Nachmittag ab. Wir haben guten Wind 5 Bft von vorn und nach Verlassen der beeindruckenden Festungsvorbauten des Hafens merken wir auch schnell die Welle. Am Abend sind unter den Zugestiegenen die ersten Seekranken zu vermelden.


Sonntag: Nach einer recht ruhigen Nacht – es wird lediglich von einem „Tanz“ mit einem spanischen Containerschiff berichtet – folgt am Morgen bei strahlendem Sonnenschein das Einlaufen in den beeindruckenden Hafen von Dieppe. Sobald die Leinen fest sind, lassen sich auch die Seekranken des vorigen Abends wieder fröhlich an Deck blicken. Der Landtag beginnt mit einem kleinen Sektfrühstück an Bord. Nach dieser Stärkung wird die wunderschöne kleine Hafenstadt erkundet. Die nahe gelegene Festung ermöglicht einen tollen Blick über die ganze Stadt. Kirchen werden besichtigt, einige Denkmäler erinnern an die Befreiung Dieppes durch die Kanadier und die Hafenpromenade lädt zu einem gemütlichen Abendessen mit viel Fisch, Muscheln und anderem Seafood ein.



Abendessen in Dieppe


Unser Dank gilt der freundlichen Nachbarcrew in Cherbourgh, die uns überhaupt erst auf Dieppe aufmerksam gemacht hat.


Montag: Wir legen am Morgen ab und nehmen Kurs auf Boulogne-sur-Mer. Schnell sind wir wieder auf der Kreuz – wir segeln nun schon viel eingespielter, die Seekrankheit ist passé. Die aufregendsten Ereignisse des Tages sind Begegnungen mit Fischerbooten und den unvermeidbaren Möwenschwärmen, die sie hinter sich herziehen. Abends treffen wir in Boulogne-sur-Mer ein. Auch hier erleben wir eine interessante Hafeneinfahrt – der Blick vom Liegeplatz überzeugt uns aber noch nicht ganz von der Stadt. Wir genießen ein klasse Anlegergetränk, lockere Stimmung und gutes Essen an Bord. Neben dem üblichen Seemannsgarn hört man auch Fachsimpelei über Themen wie Gendergerechtigkeit, Nachhaltigkeit, gute Schokolade, …


Dienstag: Nach einem Frühstück mit französischem Baguette, versuchen wir, die schöneren Seiten Boulogne-sur-Mers ausfindig zu machen, was nach einigem Suchen gelingt. Es gibt eine sehr schöne Altstadt und eine beeindruckende Krypta zu sehen. Vor dem Ablegen am Nachmittag wird in größerer Runde ein genauerer Blick in die Seekarten und Gezeitenatlanten geworfen. Die nächste Etappe führt uns durch die schmalste Stelle des Ärmelkanals. Es gilt, die Strömung richtig einzuschätzen und einen guten Weg durch das Labyrinth aus Sandbänken, Windparks, Verkehrstrennungsgebieten und viel befahrenen Hafeneinfahrten (z.B. Calais) zu finden. Auch die Dusche vor dem Ablegen soll sich noch als sinnvoll erweisen.


Mittwoch: Die Klippen von Dover sind viel besungen, aber auch die Kreidefelsen bei Calais sind imposant, aber bald passiert. Welchen Hafen steuern wir eigentlich an? Es gibt Diskussionen um Seebrügge, Scheveningen, Amsterdam, Helgoland. Der Wind kommt – wie könnte es anders sein – natürlich von vorn. Die Zeit wird langsam knapp. Am Telefon wird mit der Folgecrew erläutert, ob die Schiffsübergabe eventuell spontan in Amsterdam möglich sei. Die Blöße, es nicht rechtzeitig nach Bremerhaven zu schaffen, wollen wir uns dann aber doch nicht geben und so heißt es, Kurs ohne weiteren Zwischenhalt direkt auf Bremerhaven, sogar auf Helgoland müssen wir verzichten. Das absolute Highlight des Mittwochs wird die Fahrt durch eine Tiefwasserreede. Die Containerriesen sind zum Greifen nah.



Containerriesen


Die Aussichten für morgen sind auch vielversprechend: Die Hoffnung ist, dass nach dem Passieren von Den Helder und Texel endlich der Wind aus einer Richtung kommt, die das Setzen des Code Zero oder gar eines Gennakers erlaubt.


Donnerstag: In der Vorschiffskoje wachen wir auf, weil wir ständig auf die andere Seite rollen. Es stellt sich die Frage, was macht die aktive Wache da gerade? Ein kurzer Blick an Deck: Texel liegt steuerbord querab, aber der versprochene Wind stellt sich nicht ein – stattdessen schläft er ganz ein. Es hilft nichts – die Segel werden geborgen und sollen leider auch bis zur Ankunft in Bremerhaven am nächsten Morgen nicht mehr gesetzt werden. Der Tag wird begleitet vom Grollen des Motors und der gelegentlichen Frage nach dem Füllstand des Dieseltagestanks (die Dieselpumpe lässt uns im Stich). Gegen Nachmittag werden die letzten Essensvorräte zusammengesucht und wir überlegen, welche Tauschware wir einem Fischerboot, das wir eine Weile begleiten, anbieten können. Später stellt sich heraus, für ein hervorragendes 5-Gänge-Abschieds-Dinner ist noch alles an Bord. Das genießen wir dank Christian und vor allem dank Percy beim schönsten Sonnenuntergang der Reise, fantastischer Musik und gutem Wein - in Fahrt aber ohne Fahrt durchs Wasser - vor Borkum.



Letzter Abend vor Borkum


Freitag: Ein beeindruckender Sternenhimmel leitet uns durch die Nacht, bis im frühen Morgengrauen die ersten Lichter der Weseransteuerung sichtbar werden. Neben einigen wenigen Schiffen liegt auch die eine oder andere unbeleuchtete Tonne auf unserem Weg. Die letzten Meilen legen wir nach Tagesanbruch zurück. Die Schleusenfahrt meistern wir wie im Schlaf. Gegen 9 liegen wir nach knapp 60-stündiger Etappe „Im Jaich“ fest am Steg. Ein letztes gemeinsames Frühstück an Bord – dann heißt es Packen, Aufräumen, Putzen und die wahnsinnig schnell bereitstehenden Handwerker für die Dieselpumpen- und Toilettenreparatur einweisen (Bordtoiletten – eine unendliche Geschichte…). Um 13 Uhr verabschieden wir uns vom Wappen - es war eine schöne Reise.


Carol Smolawa

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