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Der lange Weg nach Helgoland

Lockdown! Ein, zumindest gefühlt, ewiger Lockdown liegt seit Monaten über dem Land und verschleppt auch den Start in die neue Segelsaison bereits seit mehreren Wochen. Der ersehnte Silberstreif am Horizont? Für lange Zeit nicht absehbar... Trotz dieser für alle widrigen Umstände, gingen auch in diesem Winter die Vorbereitungen für 2021 unermüdlich weiter. Vom Vorstand über die Bootswarte bis hin zu den vielen freiwilligen Helfern, arbeiteten alle an Planung, Technik und Ausrüstung der Jugendboote und Seekreuzer, in der Hoffnung auf bessere Zeiten auf See als in der Corona-Saison 2020. Zunächst wird jedoch die Geduld von ihnen weiter auf die Probe gestellt.


Die Wappen von Bremen zurück in Fahrt (Symbolbild) © Ben Scheurer


Obwohl das „Wappen von Bremen“ bereits am 26. März weitgehend seeklar von Bremen-Lesum nach Bremerhaven verholt werden konnte, mussten die geplanten Trainingswochen und -wochenenden im März und April abgesagt werden. So blieb allen - einmal mehr - nichts weiter übrig als zu warten... Und schließlich kamen die Dinge dann doch in Bewegung, erste Lockerungen waren in Aussicht stellt.

Helgoland öffnete sich auch langsam wieder für Besucher. Nur: Was war hierfür alles zu beachten? Welche Regeln sind an Bord einzuhalten? Sind wir Segler nun Einzel- oder Kontaktsportler bzw. betreiben wir Sport drinnen und / oder draußen? Die Klärung dieser Fragen ließen die nächsten Tage die Telefonleitungen glühen, bis dann am Donnerstagabend, den 20. Mai, endgültig feststand: Wir dürfen! Mit acht Leuten an Bord können wir im Wachwechsel segeln, im Hafen muss die Hälfte der Mannschaft an Land untergebracht werden. So erlaubt es das neueste Hygienekonzept. Als nächstes stellte sich die Frage, wer wäre bereit und fähig, den Törn so kurzfristig in Angriff zu nehmen? Schnell fiel die Wahl auf die Rund Island-Crew. In Rekordzeit fand ich sieben motivierte und erfahrene Mitsegler - inklusive Supercargo, da dies meine Schiffervorbereitung werden sollte. Für die Mannschaft wäre dies daneben hoffentlich auch eine kleine Wiedergutmachung für die ausgefallene Langfahrt. Was sollte also nun noch schiefgehen?

Nun ja, das Wetter zum Beispiel. Wie sicherlich jeder Teilnehmer der sonst zu Pfingsten stattfindenden Nordseewoche berichten kann, ist die Nordsee jetzt häufig besonders unberechenbar. Für Pfingstsamstag wurden westliche Winde mit Stärke 6, in Böen bis 8 vorhergesagt. Nun hatten wir bis hierhin jedoch schon so viele Unwägbarkeiten umschifft, dass wir entschieden, unsere Planungen weiter zu verfolgen und die Lage am Tag der Auslaufens abschließend zu bewerten.


Am Samstagmorgen, der 22. Mai, trafen wir uns daher gegen 08:30 in der Lloyd Marina in Bremerhaven. Zunächst wurde nur kurz das Gepäck an Bord abgestellt, bevor es dann geschlossen zum Corona-Test um 09:00 ins Columbuscenter ging. Dies erforderten sowohl unser Hygienekonzept an Bord, als auch die Einreisebestimmungen auf Helgoland.

Auf dem Weg dorthin konnte mit einem Blick über den Deich festgestellt werden, dass sich bei südwestlichen Winden nur eine geringe Welle auf der Weser aufbaute. Zusammen mit den neuesten Wetterdaten, die ein Abflauen des Windes gegen 14:00 vorhersagten, wenn wir endgültig die Abdeckung der Wesermündung verlassen würden, war nun endgültig klar: Wir können auch!


Wenn sich die meisten nach der langen Corona-Pause auch erstmal wieder etwas an Bord einfinden mussten, war die Schleuse Neuer Hafen gegen 11:30 sicher passiert, und wir konnten die Segel setzen. Mit Kutterfock und dem dritten Reff im Großsegel ging es auf perfektem Halbwindkurs in Richtung Nordsee hinaus. Bei stabilen 6 Windstärken, mit wenigen Böen, und mitlaufendem Strom konnten wir anfangs regelmäßig 12 Knoten über Grund erreichen. Mit dem Blick auf die brechenden Seen über den Sandbänken der Außenweser waren „die Türme“ Alte Weser und Roter Sand bereits gegen 14:00 erreicht und gaben nun den Blick auf die Deutsche Bucht frei.


Roter Sand querab © Christoph Tschernischen


Trotz des etwas nachlassenden Windes haben wir auf mehr Segelfläche verzichtet, was sich bei einigen durchziehenden Schauern mit Böen als die richte Wahl herausstellte. Bei weiterhin halbem Wind und mindestens 8 Knoten Fahrt über Grund ging es zügig direkt in Richtung Helgoland.


Gegen 16:30 erreichten wir den Vorhafen, der uns nun deutlich mehr Schutz gegen den zunehmenden Schwell der Nordsee gewährte, um die Segel zu bergen. Im Südhafen bot sich uns dann ein sehr ungewohntes Bild - insbesondere zu Pfingsten: Bis auf einige Dauerlieger, Katamarane der Windparks und natürlich die „Hermann Marwede“ der DGzRS, herrschte völlige Leere. Nicht einmal die Schwimmpontons waren ausgebracht, so dass wir längsseits eines Arbeitskatamaranes auf der Luvseite des Südhafens festmachten. Bei dem Manöver wurden wir tatkräftig von SK-Kameraden unterstützt - hierunter auch unser Bootswart, so dass wir direkt die frohe Kunde überbringen konnten: Mannschaft und Wappen wohlauf und um 17:00 auf Helgoland fest.


Wenn sich die Insel auch an diesem Tag sehr trüb, regnerisch und windig zeigte, fanden sich noch weitere bekannte Gesichter an den üblichen „Leuchtfeuern“ wieder. So verschlug es uns nach einem wohlverdienten Anleger in der „Bunten Kuh“ ebenfalls noch bei einem Italiener zum gemeinsamen Abendessen - alles draußen wohlgemerkt. Hiernach trennten sich die Wege der Crew notgedrungen: Die eine Hälfte bezog die vorher gebuchte Pension an Land, während sich die andere Hälfte an Bord zurückzog.

Das Übersteigen auf den Katamaran erwies sich nun bei höherem Wasserstand und wieder deutlich aufgefrischtem, ablandigem Wind als echtes Abenteuer und Kraftakt, der nur mit der Hilfe des Nachtwächters unseres Nebenliegers zu bewältigen war. Unsere Dankbarkeitsbekundungen in Biereinheiten lehnte dieser jedoch pflichtbewusst, aber sehr höflich ab. Nachdem alle Leinen an Bord des Wappens nochmal kontrolliert und nachgesetzt wurden, ging es dann in die wohlverdiente Nachtruhe.


Am nächsten Morgen - ein völlig anderes Bild: Strahlender Sonnenschein und eine leichte Brise über der Insel. Bestes Ausflugswetter, so dass nun auch einige nichtsegelnde Touristen zu erkennen waren. Der Vormittag war frei und wurde von jedem nach Belieben genossen. Mittags fand die Crew sich wieder zum gemeinsamen Essen ein. Hierbei wurde die weitere Planung und das Wetter besprochen: Für Pfingstmontag war nun ein südöstlicher Wind für die Zeit unserer Rückkehr nach Bremerhaven vorhergesagt.


Auch wenn wir alle froh waren, endlich wieder auf See zu sein, war jedoch niemand besonders interessiert daran „gegen an“ die Weser hinaufzufahren. Daher die Entscheidung: Auslaufen um 14:00, um noch das Abendniedrigwasser bei südlichen Winden zu erreichen.


Die Bedingungen beim Ablegen waren gänzlich anders als am Vortag; auch der Strom vor der Insel spielte plötzlich eine wesentliche Rolle. Bei westlichen Winden um 3 traten wir die Fahrt in Richtung Süd unter Vollzeug an. Nach zunächst sehr gemächlichen Bedingungen, frischte der Wind mit Durchzug einer Wolkenfront schließlich deutlich auf und es kündigten sich einige Schauer am Horizont an.


Wir verkleinerten die Segel kurz vor den Nordergründen, um bei guten 5 Windstärken in die Weser einzulaufen. Mit zunehmender Landabdeckung konnten wir noch gute Fahrt unter Segeln machen, bis wir sie schließlich auf Höhe der Columbuskaje bergen mussten, da der Wind inzwischen zu sehr auf Süd gedreht hatte.


Bei der Einfahrt in die Schleuse erwartete uns dann ein in schwarz gekleideter Herr, um uns in Empfang zu nehmen: Rainer Persch wollte den verbliebenen Teil seiner Rund Island-Crew noch persönlich willkommen heißen. Kurze Zeit später, gegen 21:00, war das „Wappen von Bremen“ sicher an seinem Liegeplatz in der Lloyd Marina in Bremerhaven vertäut und klariert. Ein Teil der Crew konnte die Nacht an Bord verbringen, während ein anderer Teil, wieder Corona-bedingt, noch am selben Abend die Heimreise antrat. Wenn es am Ende doch nur eine kurze Wochenendreise war, waren alle sichtbar froh, die neue Saison eingeläutet zu haben, denn stand hiermit doch nun fest:


Die SKWB kehrt wieder zurück auf die See!

Christoph Tschernischen

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