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In 12 Tagen um Großbritannien: Von Squalls, Windlöchern und Zebrasegeln

  • vor 2 Tagen
  • 8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 16 Stunden

Das Round Britain & Ireland Race 2026 auf der Löwe von Bremen


Die Crew an Bord (v.l.n.r.): Marius Rüger, Caro Bosselmann, Frederick Nabor (Skipper), Gyde Hansen, Tabea Mittmann, Cam Sword.
Die Crew an Bord (v.l.n.r.): Marius Rüger, Caro Bosselmann, Frederick Nabor (Skipper), Gyde Hansen, Tabea Mittmann, Cam Sword.

Einmal das Round Britain & Ireland Race segeln - für unseren Skipper Frederick ist das schon lange ein Traum. Alle vier Jahre startet die 1.802 Seemeilen lange Regatta in Cowes und führt die Crews aus dem Solent heraus, um die Isle of Wight und dann im Uhrzeigersinn um Irland und Großbritannien, inkl. der Shetland Inseln, herum. Start und Ziellinie ist die traditionsreiche Royal Yacht Squadron Linie. Das Rennen gilt als anspruchsvoll, vor allem aufgrund der rauen und wechselnden Wetterbedingungen, unzähligen Tidal Gates und nicht zuletzt der Länge. Ein regelrechter Segelmarathon, der nicht nur physisch anstrengend, sondern auch navigatorisch herausfordernd ist (hier geht's zum RORC Race Teaser).


Seit vielen Jahren anvisiert, ist es in diesem Jahr soweit: Teil des Regattafelds von 32 Booten, davon 29 in IRC, ist auch die Löwe von Bremen. Insgesamt gingen 4 weitere Sun Fast 3600 und 2 Sun Fast 3300 an den Start - viele Boote also, mit denen wir uns direkt messen können. Wir sind zu sechst an Bord, im Alter von 21-30 Jahren und mit einem Crewmitglied aus der UK: Frederick als Skipper, Gyde, Caro, Tabea, Marius und Cam. 


Gemeinsam mit dem RORC Griffin Team sind wir die jüngsten Crews im Feld. Auf den anderen Booten segeln viele erfahrene Offshore Segler, die zum Teil Weltmeisterschaften und andere angesehene Regatten gewonnen haben. Unser Ziel: Uns im Feld der Sun Fasts zu halten und so viel wie möglich aus unserer Löwe herauszuholen.


Der Marathon beginnt: Die Löwe beim Start vor Cowes.
Der Marathon beginnt: Die Löwe beim Start vor Cowes.

Ein entscheidender Start

Am Sonntag, den 9. August fällt um 13:30 Uhr schließlich der Startschuss. Die 32 Boote überqueren die Royal Yacht Squadron Startlinie vor der Promenade von Cowes (hier geht's zum Live Video vom Start). Wir erkämpfen uns eine gute Position im Feld, indem wir uns als eins der luvwärtigsten Boote platzieren und die Linie pünktlich zum Startsignal mit gutem Boat Speed passieren. Wir segeln nach Osten, denn zunächst müssen wir um die Isle of Wight herumsegeln, bevor wir den Weg nach Westen antreten dürfen. Die Sonne scheint, der Wind ist leicht und der Segelmarathon beginnt direkt mit einer taktischen Kreuz aus dem Solent heraus. Zunächst fühlt es sich wie eine Inshore-Regatta an, so hoch konzentriert segeln wir eng nebeneinander her. Gegen frühen Abend starten wir ins Wachsystem, passieren wir St. Catherine’s Point am Südzipfel der Insel und segeln bei zunehmendem Wind in die erste Nacht. Wir erwarten Winddreher, die eine entscheidende Bedeutung für das Rennen haben sollen. Das Feld der Sun Fasts bleibt eng beieinander. 


Mitten in der Nacht erreicht uns der erwartete Windshift. Wir setzen gemeinsam mit der Sun Fast der britischen Armee “Fujitsu Britisch Soldier” eine Wende. Wie wir wenig später feststellen sollten, leider 10 Minuten zu spät. Zunächst bringt es den vorausgehenden Booten nur einen Vorsprung von wenigen Meilen, schon am nächsten Tag zeigt sich, dass diese 10 Minuten uns in ein anderes Windsystem platzieren werden - eins mit deutlich mehr Windlöchern. Aber es ist ein langes Rennen und die Aufholjagd beginnt gerade erst.


Die nächsten zwei Tage bis zum Fastnet Rock sind von einer sonnigen Hochdrucklage mit wenig Wind geprägt. Ein Glück kommt der Wind von achtern, sodass wir uns mit unserem A2 schrittweise nach Nordwesten arbeiten können. Bedingungen, in denen wir probieren, so viel Kraft wie möglich zu tanken. Wir bleiben zumeist in Sichtweite mit der Crew der britischen Armee. Mal gewinnen wir, mal gewinnt Fujitsu ein paar Meilen. 


Der lange Weg nach Norden durch den Nebel

Wir passieren den Fastnet Rock (leider außer Sichtweite) und erreichen die Irische Küste. Zumindest sagt unser GPS das - sehen tun wir nichts außer den “Bull Rock”, der sich kurzzeitig durch den dichten Nebel schiebt. Die nächsten zwei Tage segeln wir an der Westküste Irlands entlang. Zunächst bei mäßigem Wind unter A2, später bei anspitzendem Wind unter Code 0. Wir sehen weiterhin nichts von Irland und schwimmen in einer Suppe von Nebel und hoher Luftfeuchtigkeit. Immerhin die Delfine begleiten uns immer wieder und Fujitsu British Soldier ist meist um die 5 Seemeilen entfernt. Am Mittwoch wird die Sonnenfinsternis zum Ereignis im WhatsApp Chat des Regattafelds. Der Kreativität der Crews sind beim Erstellen der Bilder keine Grenzen gesetzt. Auch wir können die Finsternis kurz zwischen zwei Wolken erblicken.


Das Zebrasegel

Inspektion des Code 0 Schadens.
Inspektion des Code 0 Schadens.

Zwei Tage später begegnet uns unsere erste große Herausforderung: Unser Code 0 reißt im unteren Drittel. Der Riss ist mehrere Meter lang und wir befürchten zuerst, dass eine Reparatur aussichtslos ist. Den Code 0 so früh im Rennen zu verlieren wäre eine Katastrophe für uns gewesen, denn gerade dieses Segel kann der Löwe bei Reaching-Bedinungen extra Speed verschaffen. Wir stellen das Wachsystem um, sodass Frederick und Cam sich ganz der Reparatur widmen können. Schnell stellen die Jungs fest, dass der Schaden nicht ganz so schlimm ist wie befürchtet und wir eine Reparatur wagen können - auch wenn sie fast unser gesamtes Segelreparatur-Material kosten wird. Währenddessen werden die Bedingungen zunehmend ungemütlicher, ein spitzerer Kurs mit zunehmendem Wind und Welle. Frederick und Cam geben alles und 24h, viele Patches und eine Rolle Duck Tape später ist unser Segel wieder in einem Stück! 


In der Nacht von Freitag auf Samstag passieren wir St. Kilda, eine vorgelagerte Insel der Hebrides in Schottland. Von dort können wir endlich etwas abfallen und die letzten rund 300 Seemeilen bis zum nördlichsten Punkt der Shetland Inseln in Angriff nehmen. Als wir St. Kilda erreichen, ist uns Fujitsu ca. 2 Seemeilen voraus. Es sind um die 20-25kn Wind, in Böen etwas mehr. Es wird merklich kühler hier im Norden. Die Welle ist unruhig und nimmt stetig an Höhe zu. Zumindest trifft sie uns von achtern, was uns etwas Erleichterung verschafft. Der Windwinkel nimmt in den nächsten zwei Stunden weiter zu und wir entscheiden uns, den A4 heavy zu setzen. Anhand des SOG (speed over ground) der anderen Boote sehen wir, dass auch viele andere unter Gennaker segeln. Die nächsten Stunden sind für das gesamte Feld rasant. Mit bis zu 15kn fliegen wir die Wellen hinunter und schaffen es schließlich, die Britische Armee wieder zu überholen. 


In der nächsten Nacht folgt genau das Gegenteil - absolute Flaute. Während die Gruppe einige Meilen vor uns dem Windloch gerade noch entkommt, bleiben wir stecken. Die Shetland Inseln schon in Sicht, treiben wir vor uns hin. Wir sind so langsam, dass die Instrumente nur noch wilde Zahlen in alle Richtungen zeigen und wir auf den Magnetkompass zurückgreifen müssen, um Kurs zu halten. Man sollte meinen, die letzte Nacht wäre anstrengend gewesen, jedoch erfordert diese Flaute deutlich mehr Koffein und Energy Gels, um die Konzentration aufrechtzuerhalten. Endlich kehrt in den Morgenstunden eine leichte Brise zurück und wir stellen erleichtert fest, dass wir unseren Vorsprung zu Fujitsu kaum verloren haben. Unser reparierter “Zebra-Code-0”, wie wir ihn aufgrund der schwarz-weiß gestreiften Naht nun nennen, kommt das erste Mal zum Einsatz - und die Reparatur hält!


In der Nacht von Sonntag auf Montag und somit eine Woche nach Rennstart, runden wir den nördlichsten Punkt der UK. Wir haben wohl ein Talent, monumentale Bahnmarken nicht zu sehen zu bekommen: Wie schon damals bei unserer ersten Fastnet Rundung, sehen wir auch von Muckle Flugga nur das Licht des Leuchtturms. Die Nacht ist pechschwarz, die Felsen lassen sich schemenhaft erahnen. Naja, umso mehr Konzentration bleibt für den Wechsel von Jib auf A2 und ab geht es Richtung Süden, in Richtung nach Hause.


Slalom durch Windlöcher, Oil Rigs und Windparks

Der zügige Wechsel auf den A2 bringt uns den entscheidenden Vorteil, um uns von British Soldier abzusetzen. Waren wir bei Muckle Flugga lediglich eine Seemeile voneinander entfernt, liegen wir 24h später rund 15 Seemeilen weiter vorne. Die Nordsee ist nun unsere Chance, auf die Gruppe vor uns aufzuholen. Uns erwartet eine instabile Wetterlage mit vielen Windlöchern und sich täglich ändernden Vorhersagen. Es bleiben noch knapp 600 Seemeilen bis zum Ziel, die sich plötzlich wie ein Katzensprung anfühlen. Wir sind bereits die Länge von mehr als zwei Fastnets gesegelt. Nun sind es nur noch wenige Tage. Zwei Tage nach Muckle Flugga erreichen wir das neue Windsystem, das uns über die nächsten Tage begleiten soll: Ein riesiges Tief mit einem langgezogenen Windloch in der Mitte, das einen fast an die Doldrums im Atlantik erinnert. Wir wechseln von A2 auf Jib und segeln das erste Mal seit Tagen Amwind. Ein ziemlich unangenehmer Amwind mit einer ruppigen Welle. Aber es geht voran und hinter dem Doldrum-Windloch setzen wir wieder den A4. In einem Squall erreichen wir unseren Top Speed des Rennens von 15,7kn über Grund. Schrittweise machen wir Meilen auf die Boote vor uns gut und weiten unseren Vorsprung zu British Soldier aus. Ungefähr ab der Höhe von Scarborough beginnt der Slalom durch die Windparks und Ölplattformen. Die Nordsee füllt sich zunehmend mit Frachtschiffen und ab Yarmouth müssen wir uns zusätzlich um diverse Sandbänke schlängeln, um dem starken Tidenstrom des Englischen Kanals zu entkommen.  



Der letzte (nicht enden wollende) Tag

Wir erreichen die Zufahrt zur Themse am Donnerstagmittag, womit unsere finalen 24h anbrechen. Die vergangenen Tage waren wie im Flug vergangen. Ein Zeitgefühl ist uns vollkommen abhanden gekommen, nur die Daten auf unseren Grib-File-Downloads zeigen uns regelmäßig, welches Datum eigentlich ist. Eat, Sleep, Sail, Repeat ist das Motto des gesamten Rennens. Doch der letzte Tag hat es in sich. In der Abenddämmerung bilden sich massive Cumulonimbus-Wolken am Himmel. Trotz des zunehmenden Windes, bewegt sich die Front kaum merklich. Um den Hauptstrom mitzunehmen, befinden wir uns noch mittig im Kanal, mit dem umkehrenden Strom wenden wir zurück an die Küste heran. Schließlich wird klar, dass uns die Squalls zumindest teilweise treffen. Als die ersten starken Böen eintreffen, setzen wir das erste Mal im gesamten Rennen die J3. Nach ein paar Stunden erreichen wir komplett durchnässt Dover und die Nacht wird wieder klar. Tigris, eine andere Sun Fast, die bisher vor uns segelte, erleidet Schaden am Großsegel und muss einen Stopp für die Reparatur einlegen. In der Zeit holen wir auf und als Tigris wieder Fahrt aufnimmt, haben wir ein neues Kopf-an-Kopf-Rennen bis zur Ziellinie. Wir setzen nochmal den A4, beschleunigen auf 1,5 kn mehr als Tigris und machen in wenigen Stunden noch einen Platz auf ein anderes Boot in der IRC Wertung gut.


In den Morgenstunden nimmt der Wind ab und wir segeln mit unserem Code 0 in Richtung Solent. Leider ist zum Schluss das Glück nicht mit uns. Pünktlich am No Man’s Land Fort, dem Eingang zum Solent, schläft der Wind ein und wir bekommen Gegenstrom. Wir hangeln uns von Sandbank zu Sandbank, um dem Hauptstrom zu entkommen und im Notfall ankern zu können. Die wenigen Meilen in den Solent hinein kosten uns noch einmal ganze drei Stunden. Wir vergessen fast, dass wir von einer langen Offshore-Regatta wiederkommen, so lange starren wir auf den letzten Landzipfel, hinter dem sich Cowes und damit die Ziellinie verbirgt.


Mit unserem Lieblingssegel über die Ziellinie.
Mit unserem Lieblingssegel über die Ziellinie.

Wir passieren die Royal Yacht Squadron Linie mit unserem reparierten Zebra-Code-0 am 21. August um 15:22:19 BST. Das ergibt eine gesegelte Zeit von 12 Tagen, 1 Stunde, 52 Minuten und 19 Sekunden (berechnet 12 Tage 14 Stunden 37 Minuten 35 Sekunden). Wir platzieren uns damit als 14. Boot von 29 in der IRC-Wertung. Wir machen an der Trinity Landing direkt an der Promenade fest, wo uns ein toller Empfang vom RORC Race Committee und der RORC Commodore Deb Fish, die selbst erst vor einigen Stunden auf einer Sun Fast durchs Ziel gesegelt ist, erwartet. 1.802 Seemeilen Round Britain & Ireland sind geschafft.


Notiz am Rande

12 Tage ohne Dusche klingen schlimmer als sie sich anfühlen. Zumal die 12 Tage sich eher wie 6 angefühlt hatten und man ohnehin nach drei Tagen Wachsystem das Zeitgefühl komplett verloren hatte. Nach 12 Tagen auf dem Boot fühlt sich fester Boden bereits fremd an und als wir die Stufen zum Clubhaus hinaufsteigen, merken wir alle, wie wenig wir unsere Beine in den letzten eineinhalb Wochen benutzt haben. Um die Energie aufrechtzuerhalten, haben wir alle 12 Tage lang nur gegessen, wann immer und so hochkalorisch wie es ging. Und zu guter Letzt, können wir uns alle kaum vorstellen, ab morgen nicht mehr zu sechst auf der Löwe zu segeln…


Von Gyde Hansen & Caro Bosselmann


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Die Segelkameradschaft „Das Wappen von Bremen“ ist einer der traditionsreichesten Segelvereine in Deutschland. Spezialisiert auf das Hochseesegeln und die Ausbildung hierzu, spricht die SKWB dabei alle Alters-  sowie Leistungsgruppen des Segelsports an.

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